DSB

Deutsche Meisterschaft
26. bis 28. August 2016

PSV München e.V.                      Abteilung Bogenschießen
Franz-Mader-Straße 11                             80992 München


Bogenschießen WA 720
Olympia 1972
Interview mit Siegfried Ortmann
Vom 26. August bis 11. September 1972 fanden in München die XX. Olympischen Sommerspiele statt, bei denen 122 Nationen teilnahmen. Auch das Bogenschießen wurde nach 52 Jahren erstmals wieder olympisch, und die „Jünger Robin Hoods“ gingen im Englischen Garten – abseits des allgemeinen Trubels – an den Start. Wir hatten das große Glück, uns persönlich mit dem deutschen Teilnehmer Siegfried Ortmann (17.01.1937) über seine Erlebnisse bei Olympia 1972 und das Bogenschießen im Allgemeinen unterhalten zu können. Er belegte einen guten 14. Rang – und schoss dabei sogar deutschen Rekord.

Quelle: Olympia Buch 1972 von Harry Valérien

Bogenschießen bei den Olympischen
Sommerspielen 1972

•  4 Wettkampftage
•  Teilnehmer aus 26 Nationen
•  55 Männer
•  40 Frauen
•  Schussdistanzen der Männer:
     30 m, 50 m, 70 m und 90 m
•  Schussdistanzen der Frauen:
     30 m, 50 m, 60 m und 70 m
•  Insgesamt 288 geschossene Pfeile
•  Goldmedaille Herren:
     John Williams, 19-jährig, USA
•  Goldmedaille Damen:
     Doreen Wilber, USA


Links: Siegrfried Ortmann
PSV: Wie sind Sie zum Bogenschießen gekommen?
Ortmann:
Ich war damals als Pistolen- und Gewehrschütze in Bad Kissingen. 1961 war mein Freund in Amerika. Er war so begeistert vom Bogenschießen, dass er gleich drei Bögen mitbrachte, da es zu dieser Zeit bei uns keinen Bogensportladen gab. Wir lernten das Bogenschießen aus dem amerikanischen „Archery Magazine“. Also alles ohne Trainer in Selbststudium. Ab 1963 schossen wir dann bei den Gau- und Bezirksmeisterschaften mit und schafften es gleich bis zur Bayerischen Meisterschaft. 1965 wurde ich schon in den Nationalkader berufen. 1967 war ich das erste Mal auf einer Weltmeisterschaft, die damals in Amersfoort (Holland) stattfand. Alle Nationen waren uns weit voraus – vor allem die Amerikaner. Ich platzierte mich trotzdem immer um den 10. Rang, obwohl ich 50 Stunden die Woche gearbeitet habe. Bis 1975 war ich in Bad Kissingen, dann zog ich nach München und schoss von da ab für den TSV Waldtrudering – und das mache ich bis heute. In Bad Kissingen wurde ich schon mit 38 Jahren Ehrenmitglied, obwohl das sonst erst ab 60 Jahren in königlich privilegierter Schützengemeinschaft möglich ist.

PSV: Was fasziniert Sie bis heute am meisten am Bogenschießen?
Ortmann: Dass es sich um einen schönen, gesunden Sport handelt, bei dem man sich nicht die Gesundheit ruiniert. Auch schön finde ich, dass man draußen an der frischen Luft ist und sogar auf jeder Wiese schießen kann, da der Bogen nicht als Waffe zählt.

PSV: Wie haben Sie sich für Olympia qualifiziert?
Ortmann: Ich war damals der beste Schütze in ganz Deutschland, deshalb war die Quali nicht schwer für mich. Ich schoss damals Alupfeile und einen Bogen mit 46 bis 50 Pfund Zuggewicht und musste für die Quali bei drei offiziellen großen FITA-Turnieren (jeweils 36 Pfeile auf 90 m, 70 m, 50 m und 30 m) oder Meisterschaften über 1.200 Ringe schießen. Neben mir qualifizierte sich nur noch Richard Krust, der bei Olympia 1972 den 30. Rang belegte. Damals war es noch nicht normal über 1.200 Ringe zu schießen. 1968 habe ich in Hammelburg 1.261 Ringe geschossen und dabei zwei Weltrekorde, die aber leider nicht anerkannt wurden, da das Turnier wegen Hochwassers um eine Woche verschoben werden musste, was der FITA aber nicht gemeldet wurde. Trotzdem bekam ich als Dritter auf der Welt bei diesem Turnier den 1.200er Stern.

PSV: Wie lange und intensiv haben Sie sich auf Olympia 1972 vorbereitet?
Ortmann: Olympia ist nichts anderes als eine Weltmeisterschaft. Da ich mehrfach deutschen Rekord geschossen habe, ließen die Trainer mich einfach schießen und sagten mir nicht viel. Das Trainingslager habe ich trotzdem mitmachen müssen. Das hat mich finanziell belastet gekostet, da ich für meine Tankstelle eine Vertretung besorgen musste. Die Vorbereitung auf Olympia ging bereits 1970 los.

PSV: Haben Sie auch im mentalen Bereich gearbeitet?
Ortmann: Ja, das hat man auch damals schon gemacht. Mentales Training ist wichtig, auch während des Wettkampfes. Wichtig sind vor allem Ruhe, die Atmung und die Überzeugung, dass man es kann. Um das richtige Gefühl beim Schießen zu bekommen, sollte man sich vor die nackte Scheibe stellen und bei geschlossenen Augen die Positionen fühlen. Auch die Psyche ist wichtig bei Wettkämpfen, damit man sich nicht von dem Drumherum ablenken lässt. Denn auch bei großen Wettkämpfen sollte man so locker schießen als wäre man im Training.

PSV: Wie war die Atmosphäre bei Olympia?
Ortmann: Ich habe im Olympischen Dorf in einer Wohnung mit fünf anderen Sportlern und nur einem Bad gewohnt. Alle Nationen gingen zum Essen in die Mensa, da war immer eine tolle Stimmung und ein Spaß – bis zum Attentat, ab da kippte die Stimmung. Unsere Wettkämpfe begannen erst in der zweiten Woche, wurden aber auf Grund des Attentats einen Tag nach hinten verschoben.

PSV: Und was für ein Gefühl war es, sich mit der damaligen Weltelite im Bogenschießen im Englischen Garten – einer wunderschönen Kulisse – messen zu können?
Ortmann: Wir schossen damals mit Blick aufs Seehaus, was ein wunderbarer Hintergrund war. Das Gelände war ruhig und nur mit Bändern abgesperrt.

PSV: Wie nervös waren Sie damals, bei einem so großen Event antreten zu dürfen?
Ortmann: Nervös war ich noch nie, vor allem, weil man auch die Gegner schon von den Weltmeisterschaften kannte. Aber die Nervosität der Gegner konnte man an dem Geklapper der Alupfeile in ihren Köchern hören.

PSV: Und wenn sie das Lampenfieber doch mal erwischt: Was ist ihr Trick gegen Nervosität?
Ortmann: Man muss immer auf sich vertrauen, auch wenn die Erwartungen an einen sehr groß sind.

PSV: Sie haben den 14. Platz belegt. Wie zufrieden waren Sie mit diesem Ergebnis?
Ortmann: Nicht hochzufrieden, da ich normalerweise um den 10. Rang bei Weltmeisterschaften platziert war. Der Wettkampf ging über vier Tage, an denen zwei FITA-Runden geschossen wurden: am 1. Tag und 3. Tag (90 m und 70 m), am 2. und 4. Tag (50 m und 30 m). Das war ein echtes Leistungsniveau! Ich habe trotz des 14. Ranges einen deutschen Rekord geschossen und auch andere Rekordschützen hinter mir gelassen.

PSV: Wie fanden Sie die Olympischen Spiele allgemein? Gibt es irgendwelche besonderen Momente, die Ihnen bis heute nicht aus dem Kopf gehen?
Ortmann: Hauptsächlich das Kontakteknüpfen und das Miteinander unter Gleichgesinnten.

PSV: Sind die Olympischen Spiele bis heute ein Pflichtprogramm, das Sie jedes Jahr aufmerksam im Fernsehen verfolgen?
Ortmann: Ja, ich schaue immer, aber nicht alle Sportarten. Vom Bogenschießen bringen sie leider immer nur die Ausschnitte, deshalb kaufe mir dann die DVD und schaue mir die Wettkämpfe in Ruhe an – dabei kann man nämlich die Bogenschieß-Techniken studieren.

PSV: Welche Erfolge konnten Sie neben der Teilnahme und einem großartigen 14. Platz bei der Olympiade noch feiern?
Ortmann: Ich habe an vielen Weltmeisterschaften teilgenommen, bei sieben FITA-Weltmeisterschaften und noch mehr im Feldbogen-Bereich. Da diese immer abwechselnd alle zwei Jahre sind, war ich jahrelang jedes Jahr auf einer Weltmeisterschaft.

PSV: Wie sehr haben sich das Bogenschießen, die Technik, die Bögen, Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren entwickelt?
Ortmann: Es hat sich alles zum Positiven gewandelt. Das Material hat sich gewaltig gesteigert, in den 80/90er Jahren, da brauchte man fast jedes Jahr ein neues Modell. Das ist aber eigentlich auch heute nicht anders. Die Leistung der Bogenschützen ist auch gestiegen, da es sich um junge Profis, meist Berufsschützen ohne eigene Familie, handelt, die sich voll und ganz auf das Bogenschießen konzentrieren können.

PSV: Haben Sie irgendwelche Bogenschieß-Tipps und Tricks für uns?
Ortmann: Man sollte erst theoretisch die Haltung mit einem Theraband lernen und dann erst das Schießen mit einem Bogen anfangen. So lernt man das Bogenschießen schneller. Was auch hilfreich sein kann, ist Profis beim Schießen zuzuschauen.

PSV: Schießen Sie auch heute noch Bogen?
Ortmann: Ja, aber nur noch zum Vergnügen. Vor fünf Jahren habe ich mit der Teilnahme an Wettkämpfen aufgehört.
 
PSV: Mit welchem Bogen?
Ortmann: Heute schieße ich mit einem neueren Bogen, aber mit nur 32 Pfund Zuggewicht. Ich habe aber alle meine Bögen, insgesamt 10 Stück, aufgehoben, wobei ich oftmals alle zwei Jahre einen neuen Bogen gekauft habe und manche auch von Herstellern gesponsert bekam.

PSV: Trainieren Sie auch andere?
Ortmann: Als Trainer hab ich nie gearbeitet, Ausnahmen waren nur Bekannte und Freunde.

 

Die Interviewer durften mit Herrn Ortmann einen sehr bescheidenen und dennoch selbstbewussten Gesprächspartner. Sie bedanken sich für die inspirierende Begegnung und  das Sie sich für uns Zeit genommen haben, um mit uns über Olympia und Ihre Leidenschaft, das Bogenschießen, zu sprechen. Für die Zukunft wünschen wir ihm weiterhin viel Freude am Bogenschießen!
Übrigens:
Von damals übrig geblieben ist eine komplette, funktionstüchtige Ampelanlage. Neben zwei großen Lautsprechern besteht sie aus vier Ampeln, wie wir sie aus dem Straßenverkehr kennen, einem Steuergerät mit roter Leuchtanzeige und mehreren Kabeltrommeln. Vereinzelt findet man Aufkleber des bunt gestreiften Dackel-Maskottchens "Waldi".